Der Drahtseilakt

Die letzten Tage dieser Reise sind angebrochen, etwas eher sogar als ursprünglich geplant. So ist das mit der Reiseplanung, wir tüfteln tagelang die strategisch beste Route aus und dann „peng“, reißt zum Beispiel das Drahtseil an unserem Hubbett.

Wir reisen mit einem Dethleffs c‘go UP 525 KR. Er ist einer der größten einachsigen Wohnanhänger, die es aktuell auf dem Markt gibt. Mit sieben Schlafplätzen und zwei Tischen hat er für unsere Zwecke einen fast optimalen Grundriss. Wir haben im Bug ein Etagenbett und eine zum Bett umbaubare kleine Sitzgruppe und im Heck eine zum Doppelbett umbaubare große Sitzgruppe, an der wir alle sitzen können, sowie ein Hubbett über der Sitzgruppe, das wir zum Schlafen einfach herunter ziehen können, jedenfalls wenn die Seilkonstruktion funktioniert.

Jetzt ist das Bett unten und da bleibt es auch, was zur Folge hat, dass wir nur noch einen sehr kleinen Tisch zur Verfügung haben und Patrics und mein gemütliches Doppelbett auch nicht mehr zu benutzen ist. Es ist ein bisschen wie beim Tetris spielen früher am Gameboy, es ist immer weniger Platz zum Drehen da. In Zahlen: ca. ein Viertel der Gesamtfläche ist jetzt nicht mehr nutzbar. Außerdem fehlen zwei Schlafplätze, da müssen jetzt alle noch ein bisschen mehr zusammenrücken.  Zumal wir auch das Vorzelt bei dieser Witterung nur noch als Abstellraum nutzen.

Am Anfang war der Frust groß, zumal es schon das zweite Mal innerhalb des ersten Jahres ist, dass dieses Problem auftritt. Man kann sich wirklich fragen, warum ein namhafter Hersteller wie Dethleffs so eine hakelige Konstruktion verbaut. 

 

Aber darf ich mich überhaupt ärgern? Wir sind doch in einer ziemlichen Luxussituation. Selbst gemessen an westeuropäischen Verhältnissen. Ich habe in den letzten Wochen öfter Dinge gesehen, die solche Ärgernisse in eine andere Perspektive rücken. Menschen, die in Wellblechhütten leben in Montenegro, der Obdachlose in Albanien (der vermutlich nicht zur nächsten Wärmeküche gehen kann, wenn er am Tag nicht genug Geld für Essen erbettelt hat) oder die vielen Flüchtlinge in den Camps in Griechenland. Diese Dinge wissen wir alle und deshalb klingt es auch so abgedroschen, sie heranzuziehen. Aber ich kann für mich sagen, dass es einen Unterschied macht ein Flüchtlingscamp in natura gesehen zu haben. Die Tragweite bekommt quasi eine andere Weite. Ich war fassungslos und habe mich geschämt Europäer zu sein, ich habe auch keine Lösung für dieses Problem und es irritiert mich, dass auch sonst niemand eine hat.

Auch wenn ich den Kreis nicht so weit ziehe, ist die Tatsache, dass wir mit der ganzen Familie eine solche Reise unternehmen können ein ziemliches Privileg. Es müssen viele Faktoren stimmen, um das zu realisieren und dafür, dass wir das tun können sind wir sehr dankbar.

Diese Gedanken kamen mir, als ich mich mit meinem Frust und einer heißen Schokolade mit Sahne, die mag mein Frust nämlich besonders gern, gerade in der super ausgestatteten Spielzone auf der Liege im, an den Campingplatz angeschlossenen, Wellness-Ressort niedergelassen hatte.

 

 

Gedanklich bin ich dann aufgestanden habe meinen maulig schauenden Frust streng angeguckt und laut gesagt: „Alter, runter von meiner Liege. Ich chill hier jetzt erst ein bisschen und guck meinen Kindern beim Spielen zu. Wenn mein Mann heute Mittag Feierabend hat, gehen wir alle unten im Thermalbecken plantschen und wenn wir in ein paar Tagen zuhause sind, bringen wir den Hänger zur Garantiereparatur. Und gib‘ die heiße Schokolade her, die trink ich ganz alleine!“

Der Frust ist frustig abgezogen, ich habe die heiße Schokolade getrunken und es geschafft mir einzureden, dass mein Teenie denkt das ich cool bin, weil ich manchmal „Alter“ sage 😉. (Das nur am Rande.)

Wir genießen noch ein paar Tage diesen Luxus, sehen uns Ungarn an und treten dann den Rückweg an. Wir sind dankbar für diese Reise und vieles mehr!

 

Grüße aus dem Waschsalon

Heute schreibe ich nicht mit dem Blick auf den Golf von Korinth oder in der Sonne sitzend am Strand, heute sitze ich in einem ungarischen Waschsalon, denn Wäsche waschen muss auch mal sein. Viele Dinge sind unterwegs einfacher, manche Dinge bekommen aber auch eine neue Dimension, Wäsche waschen zum Beispiel.  Die dritte Dimension ist unterwegs übrigens das „wo?“.

„Wäsche waschen“ ist in diesem Fall ein schönes Beispiel dafür, dass Dinge nicht schöner sind, nur weil sie leichter sind. Oft hat man hinterher ein besseres Gefühl, wenn das was man getan hat, auch ein bisschen schwierig war. Nicht zu schwierig, sondern so, dass man es gerade schaffen konnte.

Gestern sind wir in Bulgarien gestartet. So wie wir in den letzten Wochen schon oft gestartet sind. Aber gestern lief es trotz aller Übung nicht so gut. Das Gelände, auf dem wir standen, war sehr uneben und deshalb war die Deichsel des Hängers viel tiefer als die Anhängerkupplung des Autos. Beim Versuch den Hänger von Hand auf die Kupplung zu heben ist Patric die Deichsel des Hängers auf den Fuß gefallen. Autsch! Zum Glück war der Schreck größer als der Schaden. Patric ist mit einem dicken blauen Fleck davongekommen, es hätte aber leicht auch ein gebrochener Fuß dabei herauskommen können. Mit Hilfe des Platzbetreibers, Wagenheber und einer pfiffigen Idee konnten wir die Situation lösen und sind mit kleiner Verspätung gestartet, nur um eine halbe Stunde später auf das Ende des Staus vor der Grenze zuzufahren.

 

Die LKWs stehen dieser Tage vor der rumänischen Grenze in einem 15km langen Stau, aber auch als Privatperson haben wir dreieinhalb Stunden vorm Grenzposten gewartet, sodass es schon früher Nachmittag war, als wir endlich ernsthaft Fahrt aufnehmen hätten können. Wenn dann nicht das böse Hunger-Monster um die Ecke geschaut hätte. Also… nochmal anhalten, die Mannschaft füttern, aber danach ging es wirklich los und es stellte sich dieses Hochgefühl ein, das man bekommt, wenn man etwas geschafft hat. Nur hatten wir in Wirklichkeit erst 30 der insgesamt 500 Kilometer gefahren, weshalb das Gefühl genau genommen jeder Grundlage entbehrte.

Ähnlich ist es auch im Waschsalon, gleich piepen die Trockner und ich kann die saubere Wäsche für die ganze nächste Woche herausnehmen und falten. Wenn das erledigt ist, werde ich das Gefühl haben, heute schon richtig etwas geschafft zu haben. Zuhause stellt sich dieses Gefühl beim Waschen nur selten ein, es ist mehr ein stetiger Kampf gegen das Wäschemonster unter der Devise „A Laundry a Day keeps the Laundry-Monster away!. Der Kampf läuft einfach so parallel zum „Tagesgeschäft“.

Soweit zu gehen deshalb meine Waschmaschine abzuschaffen würde ich nicht, aber es ist doch eine schöne Erinnerung daran, dass es befriedigend sein kann nicht immer nach dem leichtesten oder bequemsten Weg zu suchen, denn größere Anstrengungen werden oft mit einem besseren Gefühl belohnt.

Ein netter Nebeneffekt im Waschsalon ist, hier ist es wirklich nett. Es riecht lecker nach gewaschener Wäsche, das Sofa ist bequem, es schreibt sich hier ganz hervorragend (nebenbei frage ich mich: wie viele Bücher wohl in Waschsalons geschrieben wurden?) und ich habe eine kleine Auszeit, weil die Kinder lieber mit Patric auf den Spielplatz gehen wollten. Vielleicht gehe ich zuhause doch gelegentlich mal im Waschsalon waschen?

Ein kleiner Nachtrag noch: zum Wäschefalten hatte ich dann doch einige Helfer, draußen ist es unattraktiv kalt 😉.

 

Ein Plädoyer für Gewohnheiten, Schreibschrift und Geschenkschleifen

Unsere Reiseroute hat uns am Wochenende fast 600 km weiter nach Nordwesten geleitet. Wir sind sozusagen auf dem Rückweg, dazu passend sind die Temperaturen gleich mal um 20 Grad gefallen, das Eichenlaub liegt rostrot auf den Straßen und abends um viertel vor sechs ist es stockfinster. Klingt fast wie Norddeutschland, ist aber noch Bulgarien. Kurz vor der Grenze zu Rumänien werden wir ein paar Tage bleiben, um dann am kommenden Wochenende in einem Stück durch Rumänien durchzufahren. Aufgrund der Test- und Quarantänebestimmungen lohnt sich Rumänien für uns als Reiseziel diesmal nicht, sodass unsere nächste Station Ungarn sein wird. Ich bedauere das ein wenig, denn ich bin von Bulgarien als Reiseland sehr positiv überrascht und hätte auch in Rumänien gern einige Reiseerfahrungen gesammelt.

Als Reiselektüre hatte ich mir „die 1%-Methode“ von James Clear als Hörbuch mitgenommen. In der verworrenen Annahme ich könnte auf dem Beifahrersitz sitzen und in Ruhe meinem eigenen Hörbuch lauschen. Ich hatte das Achtung-Tagtraum-Schild übersehen. Merkwürdigerweise hat sich dieses Buch (welches ich übrigens ausdrücklich NICHT besonders empfehle) als Familienlektüre während langer Fahrten bewährt. Allerdings ist es nicht ganz so entspannend, das Buch mit der ganzen Familie zu hören. Denn ständig ruft jemand „Stop“ und dann müssen Teilabschnitte ausdiskutiert und gedeutet werden. Diese Form des „Lesens“ konnte ich schon im Deutschunterricht nicht leiden. Sei’s drum, ein spannendes „Projekt“ dieses Buch mit der ganzen Familie zu hören ist es allemal. James Clear erklärt, wie wichtig die kleinen Gewohnheiten sind und das sich damit quasi die Welt verändern lässt.

Dazu habe ich ein kleines aber enorm weitreichendes Beispiel aus unserem Schulalltag. Seit diesem Schuljahr haben wir es uns zur Gewohnheit gemacht, unseren Schultag mit einem kurzen Schreibschrifttraining zu beginnen. Das hat folgenden Hintergrund: Im letzten Schuljahr habe ich festgestellt, dass Finja sich schwer tut längere Texte zu schreiben. Gezielt habe ich versucht, das mit ihr zu erarbeiten, aber wir schienen in einer Sackgasse zu stecken, nichts lief – alles klemmte. Nach einer halben Seite geschriebenen Textes klagte sie über Hand- und Nackenschmerzen, das Schriftbild war gelinde gesagt grauenhaft, die Buchstaben schienen über das Blatt zu hüpfen, die Schreiblinie berührten sie bestenfalls zufällig, oft passte das Verhältnis der Oberlängen der Buchstaben nicht zum Rest des Wortes, von Orthographie war keine Rede und auch Grammatik, Satz- und Textbau wurden willkürlicher je länger der Text wurde.

Die Frage „was läuft da schief?“ hat mich mehrere Monate beschäftigt, bis ich durch Zufall auf die Internetseite von M.A. Schulze-Brüning gestoßen bin. Bei der Lektüre ihrer Seite kam plötzlich Licht ins Dunkel und ein Aha-Moment folgte dem Nächsten. (https://www.handschrift-schreibschrift.de)

Es scheint nämlich so zu sein, dass dieses „Schriftbild“ in den Schulen gar keine Seltenheit darstellt. Es ist sogar so wenig eine Seltenheit, dass Frau Schulze-Brüning ein Buch (Wer nicht schreibt bleibt dumm) zu dem Thema geschrieben hat und seit Jahren dazu forscht. Die Quintessenz des Buches ist ungefähr so: dadurch, dass die Kinder in den Schulen überwiegend keine verbundenen Schreibschriften mehr lernen (die Grundschrift ist nämlich trotz der Bindebögen keine Schreibschrift! – und die vereinfachte Ausgangsschrift funktioniert auch nicht) und zusätzlich weniger Zeit zum und Anleitung beim Üben haben, entstehen diese ungelenken und hinderlichen Schriften.

Letztendlich beschreibt sie in ihrem Buch genau das, was ich beobachte. Bis zum Ende der Grundschulzeit geht es mehr oder weniger gut mit der Schrift und ab der 5ten Klasse wird eine höhere Schreibgeschwindigkeit und inhaltlich mehr Substanzielles erwartet. Für einen Teil der Schüler (in dem oben genannten Buch habe ich gelesen, dass betrifft 31% der Mädchen und 51% der Jungen) ist es dann, als ob sie mit einem Trabbi zur Formel 1 antreten. Was schade ist, denn die Schrift soll eigentlich ein nützliches Handwerkszeug und keine Belastung sein.

Bei dem, was ich gelesen habe, bin ich ehrlich gesagt erstaunt, dass nicht mehr Schüler aufschreien. Da grenzt ein zweiseitiger Aufsatz an ein Martyrium. Das muss man sich als schnell schreibender Erwachsener mal überlegen, da hocken die Kinder eine Stunde oder länger über dem Papier, Hand und Nacken tun weh, es sieht richtig doof aus, ist furchtbar anstrengend und man weiß schon, dass jeder der es lesen soll ob der äußeren Form die Nase rümpft, bevor er sich dem Inhalt gewidmet hat. Und den Hauch einer Ahnung wie man es besser machen könnte hat man auch nicht. Ehrlich gesagt … ich würde gar nicht erst anfangen! Im Übrigen leidet natürlich auch der Inhalt wenn das Schreiben selbst eine Belastung darstellt. Mit einer stumpfen Schere macht man auch keinen glatten Schnitt.

Zurück zu unserer Gewohnheit. Seit Beginn des Schuljahres starten wir unseren Schultag also mit Frau Schulze-Brünings Schreibschrift-Training, vorausschauend natürlich alle drei Schüler. Wie sie in ihrem Buch voraussagt, lieben die Kinder es an ihrer Schrift zu arbeiten und sich nur auf das Schreiben und nicht auf Inhalte zu konzentrieren. Das hätte ich nicht erwartet, alle drei sind mit Feuereifer bei der Sache und die Erfolge sind beeindruckend. „Schneller, besser, lieber“ fasst es wohl am besten zusammen. Es ist so einfach, wir sitzen jeden Morgen fünf bis zehn Minuten zusammen, ich trinke meinen Kaffee, die Mädels bearbeiten eine Seite in ihrem Arbeitsheft und alle haben ihre Gedanken gesammelt und sind anschließend im Schulmodus. Es ist zu einem festen Ritual geworden, das wir sehr lieben.

Laut James Clear sind es solche festen Gewohnheiten, die uns die größten Erfolge erzielen lassen und uns den Freiraum für Interessantes und Kreatives schaffen. Er hat recht behalten, ich hätte nicht erwartet, dass aus dieser kleinen Gewohnheit so viel Gutes entsteht. Denn eine hübsche und flüssige Handschrift und Freude am Schreiben sind schon ein besonderes Geschenk und jeder Morgen der mit diesen ruhigen, fast meditativen Minuten startet ist eine besonders schöne Geschenkschleife.

In diesem Sinne schreiben wir nun unsere Namen in den Sand – in Schreibschrift!

Buchstabensalat und Kaffeeautomaten und wie mich das alles verwundert

Inzwischen sind wir von Griechenland nach Bulgarien weitergezogen. Von allen Ländern, die wir bereist haben, hatte ich das erste Mal das Gefühl weit weg von zuhause zu sein. Vermutlich macht ein Teil schlicht und einfach die Schrift aus, denn man kann nichts lesen – keine Straßenschilder, keine Inhaltsangaben auf den Lebensmitteln, nicht mal die Bedienungshinweise für die Waschmaschine. Weder das griechische Alphabet noch die kyrillischen Buchstaben der Bulgaren lassen erahnen um welches Wort es sich handeln könnte. Verwundert bin ich dann doch, wie gut wir trotzdem zurechtgekommen sind. Irgendwie geht es halt immer.

Und während in Griechenland in den Lebensmittelläden überwiegend griechische Produkte verkauft werden, macht es uns Bulgarien, wie so viele andere Länder, leicht. Da werden auf die deutschen Haferflocken und Kaiserbrötchen einfach Sticker mit der landessprachlichen Inhaltsangabe aufgeklebt. Sogar ein zünftiges Paulaner Hefeweizen kann man hier kaufen. Merkwürdig, oder?

An dieser Stelle will ich dann mal outen, dass wir keine kulinarische Reise machen. Ich bin der Überzeugung, dass man sich seine Schlachten wählen muss. Die landestypischen Gerichte der Reiseländer lernen wir nur selten kennen.  Nicht weil ich das nicht spannend fänden, sondern weil es sich für uns einfach als unpraktikabel und anstrengend herausgestellt hat. Kochen für eine Mannschaft aus Vegetariern, Glutenfreien, Milchproduktverabscheuern und Zuckergegnern ist ohne hin schon ein Spießroutenlauf. Im Rahmen der Vereinfachung gibt es seit ein paar Wochen etwas mehr als eine Handvoll schneller Rezepte mit einfachen Zutaten, die sich gut besorgen und gut lagern lassen. Und als Ziel zum Thema „Essen machen“ gilt die Parole: Alle am Leben halten! Und ich sag mal so, seitdem ist auch das Thema „Essen machen“ entspannt. Wie gesagt, man muss seine Schlachten wählen. Ich wähle: auf „Öööh, schon wieder Nudeln! Kann es nicht mal wieder Quiche geben?“ mit „streng gucken“ zu reagieren.

So war ich also sehr froh, als ich heute in Bulgarien in den KAUFLAND gehen konnte und ganz einfach glutenfreies Mehrkornbrot von Schär, Gewürzgürkchen und Haferflocken einkaufen konnte, ohne an den Buchstaben herumzurätseln. Aber verwundert hat es mich schon.

Eine Kleinigkeit macht mich in Bulgarien noch stutzig: an allen Ecken stehen Kaffeeautomaten. Solche wie man sie in Kantinen oder Schulen hat, die, bei denen der Kaffee fies schmeckt, wenn der Käufer vor einem die Hühnerbrühe daraus getrunken hat. Und wer kennt es nicht? Man sieht den Automaten- ahnt schon, dass man es nicht tun sollte – tut es trotzdem – man schmeißt 1,50€ in den Schlitz – der Kaffee kommt – und dann: „Urgh!“ – einer der Automaten, die seit mindestens 3 Dekaden nicht sauber gemacht wurde. Jedenfalls sieht man hier in den kleinsten Örtchen diese Automaten an den unglaublichsten Stellen. Ich frage mich nur: Wer macht die eigentlich sauber? Merkwürdig…!

 

Rückblick auf ein Jahr „Homeschooling“

Aktuell sind wir in Griechenland und ich sitze hier und schreibe bei angenehmen 22°C mit Blick auf den Golf von Korinth. Nach dem Regen und den etwas anderen Lebensverhältnissen in Albanien waren die letzten 10 Tage bei tollem Wetter fast ein bisschen wie Urlaub. Wir haben die Berge von Meteora gesehen und die Ausgrabungsstätte am Orakel von Delphi besucht. Jede Etappe unserer Reise scheint etwas anderes für uns bereit zu halten, diesmal waren es Menschen, denen wir uns verbunden fühlen. Natürlich trifft man auf Reisen viele und immer wieder neue Menschen und das macht auch ein Teil des Reizes aus. Häufig bleiben Kontakte aber auf den Ort beschränkt, an dem man zusammen war und nur selten werden Telefonnummer oder E-Mail-Adressen ausgetauscht.

In Meteora hatten wir das Glück, Gleichgesinnte im Geiste zu treffen. Denn es tut einfach gut jemanden zu treffen, der nicht nur sagt „Mensch, find ich toll was ihr da macht“, sondern Menschen, bei denen man das Gefühl hat, da ist jemand, der die Gründe nachvollziehen kann.  Daraus können sich zum einen sehr nette Gespräche entwickeln und für die Mädels ist es auch schön mal mit jemand anderem etwas zu unternehmen, und sei es nur eine Partie Kniffel. Zum anderen können andere Menschen auch Erfahrungen bieten, die wir Eltern nicht bieten können. So hatte Finja die Möglichkeit mit einem professionellen Sportler zu trainieren. Sie war tagelang ganz voll davon und schwärmt seitdem für Leichtathletik.

 

Mein Fazit ist, Kinder profitieren von Kontakten außerhalb der Familie sehr. Aber muss man dafür in die Schule gehen? Nach einem Jahr „Homeschooling“ denke ich, nein das muss man nicht.

Vor ein paar Tagen hatten wir sozusagen einjähriges „Homeschooljubiläum“. Wobei ich das Wort „Homeschooling“ eigentlich gar nicht mag. Ich finde, dass es nicht besonders gut passt. Das was wir machen ist weder „home“ noch „school“.  Im Grunde ist es nichts weiter als die logische Weiterführung dessen, was ich seit ihrer Geburt mit den Kindern tue. Ich begleite ihren Lernprozess, indem ich „vormache“, den Prozess des Übens begleite, mit ihnen zusammen Neues entdecke und mich an den Lernfortschritten erfreue. Wenn plötzlich etwas klappt, singe ich auch gern mal laut „Mein Gott, mein Gott jetzt hat sie’s“ aus der Operette „My Fair Lady“.

Es ist meiner Erfahrung nach nicht wichtig um welche „Lerninhalte“ es geht. Es ist egal, ob das Kind lernt sich vom Bauch in die Rückenlage zu drehen oder ob es die Sache mit den verflixten Brüchen plötzlich verstanden hat. Das Prinzip ist das Gleiche und meine Rolle auch: ich freu mich diebisch! Lernen ist ein intrinsisch motivierter Prozess, will heißen Lernen macht Spaß und ist außerdem ein natürlicher Prozess, der von ganz allein passiert.

Letztendlich ist es doch so, jeder kennt es, wenn man etwas kann, was man vorher nicht konnte, freut man sich darüber. Wenn man jemanden hat, der sich mit einem freut und die Sache dadurch noch mehr Bedeutung bekommt, noch viel besser. Ob derjenige, das erste Mal einen Marathon gelaufen ist oder zum Schuhe zubinden endlich wieder an die eigenen Füße kommt spielt keine Rolle. Es ist die Freude am eigenen Erfolg die uns Dinge „lernen“ und üben lässt.

Es gibt viele Facetten alternativer Schulformen: Freilerner, Unschooler oder Homeschooler. Ich denke, dass die verschiedenen Prinzipien deshalb oft gut funktionieren, weil Kinder in der Regel aus eigenem Antrieb lernen. Ich denke auch, dass es für einen Teil der Kinder stressfreier ist, dass in „Ruhe“ zu tun. Wenn Kinder in einem sozialen Gefüge wie einem Klassenverband sind, entstehen selbstverständlich viele Spannungs- und Lernfelder, die sie gleichzeitig mit verarbeiten müssen. Das lenkt zum einen vom eigentlichen Thema ab und zum anderen nimmt es dem ein oder anderem auch den Spaß am Lernen. Weil wenig Platz für individuell tiefere Beschäftigung mit dem Thema ist, weil zwischenmenschliche Themen in den Vordergrund treten, weil das System für Stärken und Schwächen nicht durchlässig ist und nicht zuletzt weil ein natürlicher Lernprozess nicht mehr in eine Freude über den Lernfortschritt endet sondern in ein enges Notenkorsett gequetscht wird.

Ich bin lange Zeit dem Irrtum erlegen, dass man Noten vergibt, um die Leistung oder die Motivation zu steigern. Ich kann zumindest für meine Kinder sagen, dass das nicht funktioniert. Sie waren nie motivierter und haben noch nie mehr geleistet (in der Schule zumindest) als jetzt und im Übrigen ist es auch das, was ich an vielen anderen Stellen beobachte. Da treffe ich Kinder, die in manchen Bereichen unglaubliches Wissen haben. Frag die mal nach Automarken, Vulkanen oder Pferderassen. Aber in der Schule scheint nichts hängen zu bleiben. Wie kann das? Sicher gibt es einige Gründe. Einer mag die Sache mit den Noten sein. Auf mich wirkt das System mit den Noten ein bisschen so als würde man bei einem Sprint-Läufer nicht nur die Zeit nach 100m werten, sondern auch einbeziehen, wie gut er beim Lauf ausgesehen hat.

Einen Punkt will ich als Grund aber gern ausgeschlossen wissen: die Themen – sprich die Lerninhalte. Aus zwei Gründen. Erstens: Alle Themen, die in der Schule unterrichtet werden sind spannend. Es stimmt einfach nicht, dass es langweilige Themen gibt. Ich hab‘ jedenfalls in noch keinem Schulbuch eins gesehen. Wer eins findet möge mir bitte Bescheid geben, das schaue ich mir an. Und zweitens und das viel Wichtigere: Lernen ist intrinsisch motiviert, das Thema spielt nur eine untergeordnete Rolle, die Sache als solche macht schon Freude.

Wie gesagt, es gibt Menschen, die sich freuen, wenn sie ihre Zehen wieder berühren können und das ist klasse! Wenn wir also am Tisch sitzen und gegen das „Mathemonster“ kämpfen und sich die beiden „Grundschüler“ mit an den Tisch quetschen und eifrig mitfiebern, bis am Ende das letzte Ergebnis in der fiesen Bruchrechenschlange stimmt und wenn dann alle abklatschen und fröhlich sind, ganz ehrlich – dann kann es doch nicht am Thema gelegen haben. Es macht einfach Spaß das zu können!

Nach einem Jahr ziehe ich also folgende Bilanz, die Kinder profitieren im Allgemeinen vom Kontakt mit anderen Menschen sehr, aber das Lernen von „Schulstoff“ geht ohne „Schule“ leichter.

Von Burgen, Höhlen und dem, was wir verpassen

„Meinst du nicht deine Kinder könnten etwas verpassen?“ Das ist eine der häufigsten Fragen derer die sich kritisch zu unserem Reiseabenteuern äußern. Die Antwort darauf ist: „Ja, sicher!“. Natürlich verpassen die Kinder etwas, wenn sie einen Großteil des Jahres nicht zuhause bei Verwandten und Freunden verbringen und „Ja, sicher!“ lernen sie in der Schule andere Dinge, als sie das tun, wenn wir unterwegs sind. Das kann ich dann auch guten Gewissens so stehen lassen, weil es stimmt. Wir haben viele liebe Menschen „zuhause“ gelassen und unsere Mädels sind gerne zur Schule gegangen und manchmal haben wir auch Sehnsucht nach zuhause und Zweifel daran; ob es wirklich richtig ist, trotzdem zu reisen.

Und dann, am letzten Wochenende, da war es mir wieder so klar, dass es genau das ist, was im Moment für uns richtig und gut ist. Im Rahmen unseres „Geschichtsunterrichts“ Klasse 7 und weil es cool war, haben wir eine mittelalterliche Höhlenburg in Slowenien besichtigt. Der nette Guide am Eingang, hat uns freundlich eingewiesen, uns mit Audioguides ausgestattet und gesagt „Sie werden so ca. eine Stunde brauchen“, mit einem Seitenblick auf unsere muntere Kinderschar. Am Ende waren wir gute drei Stunden in der Burg, wir haben alle Schilder gelesen, alle Texte angehört und Parallelen zum Physik- und Erdkundeunterricht gezogen. Die Kinder waren mit Feuereifer bei der Sache und die Begeisterung, mit der sie die Welt entdecken, macht mich stolz.

Die Neugier und Begeisterung beschränkt sich nicht nur auf Burgen, sondern bezieht sich auf so ziemlich alles, dem wir begegnen. Zum Beispiel Europas zweitgrößte Höhle, die sie mit Patric besichtigt haben oder auf die Flora und Fauna der Vintgar Klamm, durch die wir am Tag zuvor gewandert sind.

Wir wollen nicht, dass unsere Kinder etwas verpassen. Es geht darum Verantwortung zu übernehmen, für die wenige Zeit, in der wir das Privileg haben sie auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden zu begleiten.

Deshalb reisen wir – für mehr Familienzusammenhalt, für gemeinsame Erlebnisse und Erinnerungen, für mehr Zeit zum Kind sein, für mehr Zeit für die übergeordneten Ziele und Werte und um die Neugier auf diese Welt, mit all seinen Felsenburgen, Höhlen und Grottenolmen, am Leben zu halten.

Steht dem, was die Kinder verpassen denn auch ein Gewinn gegenüber??

Die Freiheit des Truckers

Manchmal ist es doch merkwürdig, auf welche Weise sich die kleinen Zeichen des Lebens uns anbieten, oder? Vielleicht geht das auch nur mir so:

Unsere erste Etappe führte von Berlin nach Österreich (gut 700 km), das ist mehr als wir am Stück schaffen, also haben wir nach bewährtem Verfahren wieder die Nacht auf einem Autobahnrastplatz geschlafen. Das ist für uns die effizienteste Methode um „Strecke zu machen“. Wir können mit schlafenden Kindern so lange fahren, wie es die eigene Müdigkeit zulässt, verlieren keine Zeit durch Wege zum Campingplatz über Land und unnötiges Auf- und abbauen und am nächsten Morgen geht es direkt weiter, Frühstück gibt es im Auto. So haben wir die erste Nacht dieser Tour auf einem Autobahnrastplatz zwischen Berlin und Passau verbracht. Nach der, zugegebenermaßen, recht lauten Nacht, schlapp ich also mit meinem Rastplatzmorgenkaffee (übrigens noch ein Vorteil von Rastplatzübernachtungen: der Kaffee am Morgen.) … schlappe ich also über den Rastplatz und da kommt es mir entgegen, mein Zeichen von Freiheit, in Form eines polnischen LKW Fahrers.

Die Morgensonne scheint vom blauen Himmel, der Kaffee dampft und vor mir kreuzt er – nackt bis auf den Schlüpfer, behaarter Rücken bis zum Hals und in der typischen Figur eines Mannes der tagein tagaus im LKW sitzt., meinen Weg. Und mich flutet das Gefühl, „That made my day!“ Leider gibt es dafür keinen guten deutschen Ausdruck und außerdem war es exakt das, was ich gedacht habe. Aber warum? Nun entsprechen Männer dieser Statur so gar nicht meinem Ideal von Sexappeal, andernfalls hätte ich mit Patric die wohl denkbar schlechteste Wahl getroffen. Dieser Mann strahlte aber einen Frieden mit sich selbst und der Welt aus, dass es fast greifbar war. Er war frei davon, wie man aussehen „sollte“ oder was bzw. ob man etwas anziehen „sollte“, welcher Ort besonders schön ist und welche Geräuschkulisse angenehm ist. Er wirkte wie jemand, der genau da war, wo er sein wollte und das im Schlüpfer neben der A9 zwischen Berlin und Passau.

Das ist für mich Freiheit, das zu tun, was man möchte, unabhängig davon wo man ist, wer man ist oder was von einem erwartet wird.

Ich muss zugeben, es hat ein paar Tage gedauert bis ich verstanden hatte warum mir diese Szene so gut gefiel. Aber dieser Mann hat mich in seiner Unbefangenheit beeindruckt.

Wir haben die letzte Woche hier in Oberösterreich verbracht und die Sonne genossen. Wir waren Schwimmen, die Mädels und ich waren Stand-Up-Paddeln und wir haben die ersten Tage unterwegs genossen.

Das ist auch Freiheit, aber bei Weitem noch nicht so formvollendet wie die des Truckers.

 

Was braucht es mehr??

Nichts! Eigentlich braucht es weniger. Letzte Woche waren wir an einem der wunderschönen, palmerischen, schwarzen Strände, ganz spontan und ohne „das große Gepäck“.

„Das große Gepäck“ ist der Krempel, den meist die Väter auf Wunsch der Mütter in Taschen, Rucksäcken und Bollerwägen an den Strand karren. In der Regel erkennt man die Lastenträger unter den Tüten und Taschen gar nicht. Strandmuschel, Sonnencreme, Kekse, Bücher, Badekollektionen in diversen Ausführungen, Handtücher, Getränke, Sonnenhüte, Erste Hilfe Set, Strandlatschen, Sandspielzeug und vieles mehr findet so seinen Weg ans Meer. Auch wir sind schon so am Strand angereist. Aber wenn ich ganz selbstkritisch darauf blicke, sind am Ende des Tages zwar alle Sachen gleichmäßig mit Strandsand einpaniert und müssen gewaschen werden, wirklich gebraucht, im Sinne von es war notwendig, wurde das wenigste.

Letzte Woche waren wir, wie gesagt ohne den ganzen Krempel am Strand. Da wurde mir mal wieder klar, was ich schon seit längerem weiß. Tatsächlich ist weniger manchmal mehr. Am Strand ist eben einfach alles da was man braucht. Sand, Wasser, Stöcke und Steine. Die Kinder haben eine ganze Stunde konzentriert gespielt, Patric und ich haben im warmen Sand gesessen und hatten Zeit zum Quatschen und am Schluss sind wir Hand in Hand an der Wasserkante entlanggelaufen, denn da keiner Tüten schleppen musste, sondern jeder nur sein eigenes Paar Schuhe, hatten wir beide eine Hand frei – sodass wir gemütlich hinter unserer lachenden und quietschenden Kinderschar herschlendern konnten.

Auf dem Weg „Was-nicht-glücklich-macht-kann-weg“, bin ich schon seit ca. 18 Monaten. Ich habe damit angefangen die überflüssigen Dinge endgültig aus unserem Haus zu schaffen, statt sie immer wieder neu zu sortieren und aufzuräumen. Allein das war schon ein Befreiungsschlag und damit einher ging die Erkenntnis, dass wir unglaublich viel gewinnen, wenn wir den Ballast über Bord werfen.

So ist es mir in den vergangenen Monaten auch gar nicht schwer gefallen unser Reisegepäck immer weiter zu reduzieren, quasi von Haus auf Wohnwagen auf Kofferraum auf eine Hand voll Koffer und Kisten. Neulich habe ich von einer anderen Mutter gehört: „…wie Du das schaffst? Ich komm schon mit einem Kind und den Gepäckbeschränkungen auf Flügen nicht zurecht.“ Ich weiß es nicht, es fehlt uns jedenfalls an nichts. Außer Jette vielleicht: neue Bücher! Deutschsprachige Kinderbücher sind auf den Inseln einfach nicht zu kriegen und auch Amazon hat ewig lange Lieferzeiten hierher. Platz für ein bisschen Luxus (die Bettwäsche) bleibt dabei trotzdem.

Und nun die peinliche Wahrheit: Was wir so dabei haben?
Das meiste, was wir durch die Gegend schleppen, sind Bücher: Schulbücher, Sachbücher, Kinderromane und zwei Kindle. Trotzdem hat Jette inzwischen quasi alles gelesen, was wir mithaben. Sodass sie nun dazu übergegangen ist Finjas Biologie Schulbuch zu lesen – abends, im Bett, zur Entspannung. Armes Kind! Also Bücher und Schulsachen füllen gut zwei Bananenkisten. Zwei weitere Bananenkisten enthalten etwas Spielzeug für Lisbeth und meine Bettwäsche (Nein, nicht nur den Bettbezug, sondern auch das Inlet und ein dickes Bettlaken) – weil ich Ferienhausbettwäsche super-eklig finde. Und ja ich weiß, das ist ein Spleen. 2 Koffer sind gefüllt mit Klamotten und Kulturtaschen. Außerdem noch zwei Laptops und diverse Ladekabel im Handgepäck. Das war’s! Besonders minimalistisch finde ich das nicht, aber es ist gepackt worden unter der Maxime „Was nicht glücklich macht kann weg.“  Bücher und Lernen macht uns glücklich, mein eigenes Bettzeug dabei haben macht mich glücklich, ein wenig (!) Spielzeug erfreut die Kinderherzen und mit Hose und T-Shirt durch die Stadt gehen macht auf jeden Fall auch glücklicher als ohne ?.

Und das Beste daran wenig Dinge zu haben ist eben, man hat die Hände frei, um sich gegenseitig an die Hand zu nehmen!

Rückblick auf 7 Wochen Irland

Als ich angefangen habe diesen Block zu schreiben, nahm ich mir vor möglichst wenig auf die allgemeine Covid-Situation einzugehen, da ich finde, dass dieses Thema ohnehin nervig omnipräsent ist. In diesem Beitrag werde ich wohl ein bisschen von dieser Maxime abrücken, denn es hat unsere Zeit in Irland in besonderem Maße geprägt.

Wir waren ungefähr 7 Wochen in Irland, von Anfang Februar bis Mitte März. Zusammenfassend würde ich sagen, Irland hat eine beeindruckende Landschaft, aber um eine Aussage über alles andere treffen zu können müssen wir nochmal wiederkommen.

Irland war während der Zeit, die wir dort waren in einem wirklich „harten Lockdown“, mal abgesehen von Lebensmittelgeschäften war beinahe alles andere geschlossen. Ich hätte wirklich gern in einem irischen Pub ein Guinness getrunken, hätte gern auf einem Volksfest irischen Steptanz gesehen oder mir ein paar historische Gebäude bzw. Schlösser angesehen. Aus alledem ist nichts geworden.

Stattdessen waren wir viel in der Natur unterwegs und das hat uns allen sehr gut getan. Wir haben vom Wasser geformte Höhlen gesehen, waren am süd-westlichsten Punkt Irlands und haben dort vergeblich nach Walen Ausschau gehalten, konnten Wasserfälle und Steinkreise bestaunen und die Mädels und Patric sind sogar in den Atlantik gehüpft.

Beeindruckt hat mich vor allem die „Wanderung zum süd-westlichsten Punkt Irlands“, zum einen ob der grandiosen Aussicht, angeblich kann man an dieser Stelle mit etwas Glück vom Festland aus vorbeiziehende Wale sehen, aber auch ohne Wale ist die Aussicht atemberaubend. Und zum anderen ob der kindlichen Energie mit der unsere Mädels einen (gefühlt) kilometerlangen Berg hochlaufen – mehrmals – nur um nochmal herunterlaufen zu können! Ich bin übrigens (7. Monat schwanger) nur mit Müh und Not oben angekommen und auch mein sonst recht sportlicher Ehemann war ordentlich am Schnaufen. Diese Energie mit der Kinder Berge rauf und runter rennen können fasziniert mich immer wieder und da wünsche ich mich so manches Mal in meine eigene Kindheit zurück. Das waren noch Zeiten.

Allerdings mussten wir uns einstellen auf dieses Land. Das Wetter zum Beispiel, es hat fast jeden Tag geregnet, aber es hat auch an vielen Tagen die Sonne geschienen. Es war ein bisschen wie beim Tanzen, man muss einen gemeinsamen Rhythmus finden und dann klappt es prima. Wir haben unsere Tage einfach nach dem Wetter ausgerichtet, war es sonnig und trocken, waren wir draußen, bei Regen haben wir alles andere erledigt.

Auch auf das Ferienhaus mussten wir uns „einstellen“, warmes Wasser im Bad? Ja, gab es. Aber nur wenn man eine Stunde vorher den Kessel eingeschaltet hat. Aus Kostengründen, dann aber alle – schwupp – der Reihe nach fix duschen, sonst hat der Letzte (in der Regel also Papa Patric) nur noch kaltes Wasser. Auch eine Erfahrung!

Durch die Covid-Situation haben wir statt Land und Leute nur „Land“ kennengelernt. Wir hatten annähernd keinen Kontakt mit den Einheimischen (von unseren Vermietern einmal abgesehen – die sind jedoch gebürtige Niederländer – das zählt nicht so ganz). Dadurch ist uns klar geworden, es geht beim Reisen auch um die Menschen. Nicht um sonst heißt es „Land und Leute kennenlernen“, ohne „Leute“ ist die Erfahrung nicht komplett.

Irlands Natur ist in meinen Augen jedoch eine Reise wert, diese Farben und Formen, die Luft und die Einsamkeit ist unvergleichlich!

Aus der Zeit gefallen

Irland scheint ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein. Wir haben in den letzten zwei Wochen Ausflüge in die nächst „größeren“ Städte unternommen. An allen Orten (bezogen auf Europa), an denen wir vorher waren, hieß das im Grunde, dass die Städte austauschbar sind. Aldi, DM, H&M etc. findet man gefühlt in jeder größeren Stadt. Erfrischender- aber auch verwirrenderweise ist das hier anders. Besonders hübsch sind schon die vielen bunten Häuser. Man hat ein bisschen das Gefühl vor einem Postkartenmotiv zu stehen. Als mir dann in einem der winzigen Örtchen hier, unabhängig voneinander, verschiedene Leute in grünen Gummistiefeln entgegenkamen, wurde aus meinem Postkartenmotiv eine Kulisse für einen Rosamunde-Pilcher-Film.

In Kenmare und Castletownbere befinden sich auf der „Main“-Street unten kleine Ladengeschäfte mit Kleidung, Elektrowaren, Drogerien. Keine großen Ketten, sondern richtige Einzelhändler! Für mich – als Kind meiner Zeit – ist es geradezu faszinierend, dass es so etwas noch gibt. In den zwei- bis dreistöckigen Häusern sind oben Wohnungen untergebracht und es sieht aus als wohne der Schuster wie selbstverständlich über seinem Ladengeschäft. Es wirkt verdächtig nach Zeitreise.

Hier in Beara scheint die Zeit noch langsamer zu laufen. Es ist wirklich merkwürdig, seit wir hier sind leben wir in Zeitlupe. Dieses Gefühl am Sonntag Nachmittag „Huch, wo ist die Woche hin? Es war doch gerade erst Montag.“, das scheint hier ebenso weit weg wie der nächste H&M.

Die Tücke mit der Zeit ist, dass wenn sie so langsam vergeht, man viel Gelegenheit hat sich mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Seit dem letzten Sonntag ist mein Papa ein Jahr tot, auch wenn es sich noch nicht wie ein Jahr anfühlt, sondern wie gerade eben erst. Soviel wie in den letzten zwei Wochen habe ich im ganzen letzten Jahr nicht darüber nachgedacht und darüber, wie ich damit umgehen will. Ich habe alle Gedanken daran vermieden, so wie der Teufel das Weihwasser und dann: „Huch, ist schon wieder Sonntag? …“. So habe ich wie gesagt, dass ganze letzte Jahr rumgebracht und dann finde ich mich 12 Monaten später an einem Ort wieder, der nicht zulässt, dass ich mich weiter vor mir selbst verstecke, sondern mich dem stellen muss.

Manchmal entwickelt diese Reise eine Eigendynamik, die ich nicht erwartet habe. Das Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein ist mir, seit wir unterwegs sind, schon ein paar Mal begegnet. Ich bin sehr gespannt, wohin uns der Weg noch führen wird. Und wie lange noch? Ich habe keine Ahnung. Klar ist nur, keiner von uns ist des Reisens müde!