Aus der Zeit gefallen

Irland scheint ein bisschen aus der Zeit gefallen zu sein. Wir haben in den letzten zwei Wochen Ausflüge in die nächst „größeren“ Städte unternommen. An allen Orten (bezogen auf Europa), an denen wir vorher waren, hieß das im Grunde, dass die Städte austauschbar sind. Aldi, DM, H&M etc. findet man gefühlt in jeder größeren Stadt. Erfrischender- aber auch verwirrenderweise ist das hier anders. Besonders hübsch sind schon die vielen bunten Häuser. Man hat ein bisschen das Gefühl vor einem Postkartenmotiv zu stehen. Als mir dann in einem der winzigen Örtchen hier, unabhängig voneinander, verschiedene Leute in grünen Gummistiefeln entgegenkamen, wurde aus meinem Postkartenmotiv eine Kulisse für einen Rosamunde-Pilcher-Film.

In Kenmare und Castletownbere befinden sich auf der „Main“-Street unten kleine Ladengeschäfte mit Kleidung, Elektrowaren, Drogerien. Keine großen Ketten, sondern richtige Einzelhändler! Für mich – als Kind meiner Zeit – ist es geradezu faszinierend, dass es so etwas noch gibt. In den zwei- bis dreistöckigen Häusern sind oben Wohnungen untergebracht und es sieht aus als wohne der Schuster wie selbstverständlich über seinem Ladengeschäft. Es wirkt verdächtig nach Zeitreise.

Hier in Beara scheint die Zeit noch langsamer zu laufen. Es ist wirklich merkwürdig, seit wir hier sind leben wir in Zeitlupe. Dieses Gefühl am Sonntag Nachmittag „Huch, wo ist die Woche hin? Es war doch gerade erst Montag.“, das scheint hier ebenso weit weg wie der nächste H&M.

Die Tücke mit der Zeit ist, dass wenn sie so langsam vergeht, man viel Gelegenheit hat sich mit seinen eigenen Gedanken zu beschäftigen. Seit dem letzten Sonntag ist mein Papa ein Jahr tot, auch wenn es sich noch nicht wie ein Jahr anfühlt, sondern wie gerade eben erst. Soviel wie in den letzten zwei Wochen habe ich im ganzen letzten Jahr nicht darüber nachgedacht und darüber, wie ich damit umgehen will. Ich habe alle Gedanken daran vermieden, so wie der Teufel das Weihwasser und dann: „Huch, ist schon wieder Sonntag? …“. So habe ich wie gesagt, dass ganze letzte Jahr rumgebracht und dann finde ich mich 12 Monaten später an einem Ort wieder, der nicht zulässt, dass ich mich weiter vor mir selbst verstecke, sondern mich dem stellen muss.

Manchmal entwickelt diese Reise eine Eigendynamik, die ich nicht erwartet habe. Das Gefühl zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein ist mir, seit wir unterwegs sind, schon ein paar Mal begegnet. Ich bin sehr gespannt, wohin uns der Weg noch führen wird. Und wie lange noch? Ich habe keine Ahnung. Klar ist nur, keiner von uns ist des Reisens müde!

Von Lämmern, Regenbögen und Entschleunigung

Seit einer Woche sind wir auf der Insel, beziehungsweise auf der Halbinsel Kilcatherine, aufgrund der hier herrschenden Richtlinien befinden wir uns in Quarantäne und dürfen nirgendwo hinfahren.  Wir sind an einem Ort, an dem man nicht mal den Pizzadienst rufen kann, der nächste kleine Laden gute 20 km entfernt liegt und der nächste größere Supermarkt ist im rund 40 Minuten (eine Strecke!) entfernten Kenmare.

Quarantäne? Kein Problem! Wo sollen wir auch hin. Allerdings sind wir viel zu Fuß unterwegs, genau genommen sind wir in dieser Woche nicht weiter gekommen als unsere Füße uns getragen haben und es sieht nicht so aus, als ob sich das in der kommenden Woche ändern würde.

Erstaunlicherweise war es trotzdem in keiner Weise langweilig, wir haben nur andere Dinge erlebt. Zum Beispiel sind wir durch Zufall Zeugen einer Geburt von zwei kleinen Lämmern geworden. Der Schäfer half den beiden gerade auf die Welt als wir vorbeikamen, die Kinder und ich muss zugeben ich selbst auch, waren beeindruckt. Die kleinen Lämmer waren aber auch zu niedlich, seitdem waren wir jeden Tag dort und haben nachgesehen, ob die 2 und ihre Mutter wohlauf sind.

An einem anderen Tag war unser Spaziergang von einem Regenbogen nach dem anderen begleitet, ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht so viele Regenbögen gesehen.

In unserem Wohnzimmer steht ein Teleskop, mit dem wir tatsächlich eine Kolonie Robben beobachten können, die sich auf einigen vorgelagerten Felsen sonnen.

Die drei Großen klettern die Felsen hoch und runter, das sorgt für meine tägliche Portion Spannung und Adrenalin. Mich hätte als Kind auch nichts davon abgehalten dort rauf zu klettern, aber unten stehend bringt es mein Herz-Kreislauf-System in Schwung: es ist schon merkwürdig wie sich die Sicht im Laufe des Lebens ändert. Ganz selbstkritisch betrachtet sind die drei im Gegensatz zu mir vor ca. 25 Jahren kleine Angsthasen und machen Dinge lieber nicht, wenn sie sich nicht ganz sicher sind. Ich hätte es dann erst recht ausprobiert. (Mama, ich weiß nicht, wie du das ausgehalten hast?!)

Jedenfalls „erforschen“ die Drei auf ihren Streifzügen abseits der Straße Wasserfälle und Ruinen und dank Enid Bylton‘s „Fünf Freunde“ und der Fantasie kleiner und großer Mädchen erleben sie dabei ihre ganz persönlichen Abenteuer.

Es ist erstaunlich wie entschleunigt und gleichzeitig erlebnisreich und intensiv etwas sein kann. Wenn ich an meine eigene Kindheit zurückdenke, erinnere ich mich, dass ich ganze Sommer so verbracht habe. Ich habe viele kleine Dinge gesehen und erlebt, die ich auch heute noch detailgenau vor Augen habe. Bekommen Erinnerungen durch die Langsamkeit, in der sie passieren ihre Tiefe? Vielleicht. Für mich ist es jedenfalls ein Erinnerungsschatz und ich wünsche mir sehr, dass meine Mädchen aus dieser Zeit hier in Irland einen solchen Erinnerungsschatz mitnehmen. Letztendlich ist die Idee „to make memories“ der größte Treiber für diese Reisen gewesen.

Seit Jahrhunderten und länger ist Irland ein mystisches und magisches Fleckchen Land und mit etwas Glück können wir ein klein wenig Magie von diesem Zipfel der Welt mitnehmen.

Back on the road auch bei stürmischer See

Es war ein eine lange Pause oder wie das Känguru (von M.U. Kling) sagen würde „Hello again!“. Tatsächlich waren wir jetzt etwas ungeplant fast 7 Wochen, nämlich seit Mitte Dezember zuhause in Bissendorf. Seitdem hat sich einiges getan und unsere Abfahrt hat sich ungewollt bis Ende Januar verzögert. Auch hatte ich vor, von zuhause aus den ein oder anderen Beitrag zu schreiben. Daraus ist nichts geworden. Komisch, ich weiß auch gar nicht warum. Scherzhaft habe ich in den letzten Tagen etwas theatralisch behauptet ich hätte eine Schreibblockade, in Wirklichkeit hatte mich der Alltag zuhause so schnell wieder fest im Griff, dass ich mir den Luxus mir Zeit zum Schreiben zu nehmen, einfach nicht genommen haben. Schade, denn ich tue das wirklich gern.

Jetzt sitze ich in Irland, die Kinder schlafen, wir sind vor dem Abendessen ausgiebig spazieren gegangen und endlich gönne ich mir den Luxus wieder etwas zu schreiben. Es gibt tatsächlich eine Menge zu erzählen.

Wie wir hergekommen sind zum Beispiel. Ende Dezember haben wir dieses Ferienhaus in Süd-West Irland und eine Fährüberfahrt gebucht. Ende Dezember war Irland in Sachen Corona auch der Musterschüler der EU, leider änderte sich das kurz nach Weihnachten. Was bedeutet, dass wir nur mit negativem PCR-Test einreisen durften. Gut, ein weiterer Stop auf unserer Reiseroute. So ging es los am Donnerstagmorgen um sieben, von Bissendorf nach Düsseldorf zum Corona-Test „Zentrum“. Wer sich darunter jetzt etwas Modernes high-tech-mäßiges vorstellt, wird enttäuscht sein, ich war es jedenfalls. Es handelte sich dabei um einen Container mit zwei Fenstern auf dem Hof eines Baustoffhändlers. So standen wir also am Donnerstag um halb zehn im strömenden Regen auf dem Hof eines Düsseldorfer Baustoffhändlers. Zum Glück war das Ganze dann aber sehr schnell und unkompliziert abgefrühstückt, sodass wir weiter nach Frankreich fahren konnten. Wir haben kurz hinter der belgisch-französischen Grenze eine Ferienwohnung für den Zwischenstopp für eine Nacht gemietet.

Unsere Kinder sind wirklich unkompliziert was lange Fahrten angeht und ich bin immer wieder erstaunt, dass sie fünf Stunden Autofahren ohne quengeln und größere Pause einfach so mitmachen.  In diesem Fall sogar zwei bzw. drei Tage am Stück. Erst von Bissendorf nach Croix in Frankreich und am nächsten Tag von dort nach Cherbourg zur Fähre.

Tja und dann kam der harte Teil, von Cherbourg nach Rosslare in Irland. Wir sind schon ein paar Mal mit der Fähre gefahren: Kristiansand – Hirtshals, Dünkirchen – Dover und auch schon übernacht von Newcastle nach Amsterdam. Unsere Erfahrungen bisher waren durchweg positiv und das, obwohl ich eigentlich seekrank werde sobald ich mit dem Tretboot auf den Dümmer fahre. Auf Fähren war das bisher zum Glück kein Problem.

Was wir nicht bedacht hatten, es ist Winter und entsprechend stürmisch und von Frankreich nach Irland führt die Route über den Atlantik. Das es ein Fehler war wurde mir klar, als kurz nach der Abfahrt ein irischer Seebär von Kapitän mir erklärte, dass die Fahrt aufgrund des Wetters 3 Stunden länger dauert als geplant und dass ich die Hochbetten der Kinder zusätzlich mit der quergelegten Leiter zwischen Matratze und Rahmen sichern soll und mit einem breiten Grinsen etwas von „fun“, „sailing“ und Herausforderung sagt. Was kann ich sagen? Er hat nicht übertrieben, etwa eine halbe Stunde später ging es los und es dauerte 19 Stunden lang, es war wie 19 Stunden lang Achterbahn fahren. Positiv anzumerken ist, dass unsere Kinder absolut seefest sind. Leider hatten sie deshalb auch kaum Verständnis für die zwei ächzenden Fleischwürste auf den Kabinenbetten, die ihre Eltern darstellten. An dieser Stelle nochmal einen Dank an Patric, der letzte Kräfte mobilisiert hat und mit den Kindern sogar essen gegangen ist. Wäre ich allein gewesen, die Armen hätten hungern müssen. Das hätte ich nicht geschafft!

In Irland angekommen, drei Stunden später als geplant, hatten wir nochmal gute vier Stunden Fahrt in das County Cork vor uns, bis wir im Niemandsland südlich-westlich von Kenmare endlich unser Ferienhaus erreichten. Fester Boden, schaukelfreie Betten – ein Segen!

Auf Reisen lernt man ja oft auch einiges, manchmal über fremde Länder, Sehenswürdigkeiten oder andere Kulturen, meiner Erfahrung nach aber am meisten über sich selbst.

Was ich bei dieser Reise gelernt habe:

Wir sollten uns wirklich mehr mit dem Wetter beschäftigen, das Atlantik im Winter nicht das Gleiche ist wie Ärmelkanal im Sommer hätte man ahnen können. Wobei ich ehrlicher Weise sagen muss, dass ich während der Überfahrt der festen Überzeugung war, dass es grob fahrlässig von der Fährgesellschaft ist diese Fährverbindung nicht deutlich als „gefährlich“ zu kennzeichnen. So in der Art wie es auf Zigarettenpackungen der Fall ist. 😉

Wenn ich Kolumbus gewesen wäre, wäre Trump dieser Tage kein Thema gewesen, bis dahin wäre ich nämlich auf gar keinen Fall gekommen.

Reisen ist „unser Ding“, das wissen wir schon länger, aber wenn es so unglücklich läuft und am Ende trotzdem Alles in Allem alles gut gelaufen ist und auch die Kinder nach drei Tagen im Auto und einer unendlich langen Überfahrt gut zufrieden ankommen – dann ist das wahrscheinlich schon das Richtige.

Ein Eingeständnis noch an alle, die uns immer gesagt haben „ihr könnt die Kinder doch nicht ohne Fernsehen groß werden lassen“. Für alle die es nicht wissen, ein Outing: unsere Kinder schauen kein Fernsehen. Es gibt wenige Ausnahmen: selten mal bei Oma oder Opa, Bildungsfilme in der Schule bzw. jetzt eben auch zuhause und Finja hat drei Romanverfilmungen aus den 50ziger Jahren gesehen, von Büchern die sie zuvor gelesen hatte.
Jedenfalls hatte ich auf der Fähre den ersten Augenblick in 11 Jahren Mutterschaft in denen ich das bereut habe. Nachdem wir die Kinder die partout nicht wollten, bezirzt hatten sich das Kinderkino doch bitte, bitte wenigstens mal anzusehen, nur dieses eine Mal… musste die Unternehmung nach nicht mal 20 Minuten abgebrochen werden, weil der Zeichentrickfilm über Feen „viiiiiiel zu gruselig“ war. Meine Damen halten diese Form des Zeitvertreibs für absolut unangemessen – ja das hab ich jetzt davon! Seekrank – hin oder her.

Zwei Fragen könnten sich dem geneigten Leser noch stellen. Erstens: Wieso wir bei der Überfahrt nicht an Deck gegangen sind, da ist es bekanntlich besser mit der Übelkeit. Leider war das Deck aber gesperrt, weil aufgrund des Seeganges die Gefahr bestand herunter gespült zu werden.

Und Zweitens: Warum ich keine Tablette gegen Reiseübelkeit genommen habe, wo mir doch klar war, dass es so kommen konnte. Das hätte mein „Bauchbewohner/in“ nicht gut vertragen, wir bekommen nämlich im Juni noch einmal Nachwuchs.

Ich freue mich schon darauf, demnächst mehr von Irland zu schreiben. Mein Erster Eindruck ist, es ist ein Land genau nach meinem Geschmack – irgendwie rau und unbeugsam.

 

Das Abenteuer Rückreise und ein paar Gedanken zum „Schwestern sein“

Aus verschiedenen Gründen sind wir jetzt auf dem Rückweg, um über die Feiertage zuhause zu sein. Als wir im Oktober aufgebrochen sind, war aus Corona-Sicht zwar der Zeigefinger erhoben, aber wir hatten eigentlich keinerlei Probleme. Es war zwar ein Hauch von einem abenteuerlichen Gefühl zu spüren, wenn wir nachts im Nebel über die Grenze fuhren und erwarteten angehalten zu werden um irgendeinem Grenzbeamten zu erklären was wir vorhaben – es war aber kein Grenzbeamter da und wir haben auch sonst keinerlei Einschränkungen bemerkt.

Jetzt auf dem Rückweg sieht das schon anders aus, in Spanien haben wir bei 2 Grad Außentemperatur nachts auf einem LKW-Rastplatz gestanden, weil die örtlichen Behörden beschlossen haben die „Stromzapfstellen“ für Wohnmobile auf den dafür ausgezeichneten Plätzen coronabedingt zu schließen. Als wir gegen Mitternacht auf dem menschenleeren Platz neben den abgeschlossenen Stromkästen standen, kam mir das Ganze doch ein wenig absurd vor. Bitte wem könnten wir an diesem verlassenen Ort denn gefährlich werden – coronatechnisch gesehen und sonst eigentlich auch? Es war eine Szenerie bei der man erwartet, dass gleich wie in einem alten Western eine Kugel Steppengras durchs Bild rollt.

10 Minuten später standen wir dann eingepfercht zwischen zwei 40-Tonnen Brummis auf einem LKW- Rast Platz. Wenigstens sind wir nicht allein hab ich gedacht, während mein Stammhirn beschloss das nicht ganz so weit entfernte monotone Brummen zu ignorieren und sich der Frage nach der Ursache nicht weiter zu widmen. Also Gasheizung an im Wohnwagen, je zwei Kinder pro Bett – dann ist es wärmer – so wird’s die eine Nacht wohl gehen. Nachdem ich mich selbst dann auch zwischen meine 2 Grad kalten Daunen gemummelt hatte, beantwortete sich die nicht gestellte Frage nach dem Brummen von ganz alleine: Auch den freundlichen Brummifahrern wird bei 2 Grad kalt in ihrer Fahrerkabine, nur haben die keine Gasheizung wie wir, sondern die schmeißen einfach für ein Viertelstündchen den Motor an. Der Kollege neben uns hatte wohl gerade kalte Füße bekommen. Das gute Gefühl zu wissen das man nicht alleine ist?!

Am Morgen danach höre ich wie Evje zu Jette sagt „warum hast du mich eigentlich die ganze Nacht im Arm gehalten?“. Soviel schwesterliche Nähe ist sie gar nicht gewohnt. Ich beobachte schon seit ein paar Wochen, dass die Beziehungen unter den Kindern enger werden. Meiner Ansicht nach haben die vier vorher schon eine enge Bindung gehabt, aber die Reise, und ich glaube hauptsächlich die damit verbundene mentale Freiheit, tut ihnen sichtlich gut. Nachvollziehbar ist es bei näherem Hinsehen auf jeden Fall.

Die Große hat zu Schulzeiten morgens um zehn vor sieben das Haus verlassen – Bus fahren, Klassenkameraden, Lernen, Lehrerlaunen und alles was sonst so zum Schulalltag gehört und nochmal 50 Minuten Busfahren. Wenn Sie dann um 14 Uhr mit rauchendem Kopf, abgekämpft und mit Schmacht bis unter beide Arme nach Haus kam, ging ihr manchmal auch die überschwängliche Wiedersehensfreunde der kleinen Schwester auf den Nerv. Ich kann das absolut verstehen! Nur ist dann der Schultag noch nicht vorbei, schnell etwas essen und dann (wenn‘s gut läuft) noch eine Stunde Hausaufgaben. Sodass der Schultag einer 6.Klässlerin erst um 15.30 Uhr endet. Da bleiben bis zum Abendessen nur 2,5 Stunden für alles, was kleine Mädchen an einem Tag so machen wollen und emotionale Kapazitäten für Konfliktbewältigung sind, sagen wir mal, nur noch begrenzt vorhanden. Für die Grundschüler, die ja wenigstens einen gemeinsamen Schulwegweg haben, gilt das natürlich weniger. Aber auch die sind nach einem Schultag, insbesondere wenn es Streitereien in der Klasse gab (an denen sie in der Regel nicht beteiligt sind) einfach erstmal platt.

Das klingt vielleicht so als hätten die Mädels sich zuhause nicht gut verstanden oder nur gezankt, so war es ganz und gar nicht. Ich stelle nur deutlich fest, dass es noch besser geht, dass Konstellationen, die sonst schwierig waren, auf einmal gut gehen und dass die Mädels noch mehr aufeinander eingehen.

Die Großen bringen den Kleinen mit Engelsgeduld Skateboard fahren bei, Bücher werden ausgetauscht und akribisch besprochen und selbst beim Lernen unterstützen und motivieren sie sich gegenseitig.  Die Zeit und auch die mentale Freiheit sind endlich in ausreichendem Maß vorhanden.

Jedesmal wenn die Kinder in dieser Form in positive Interaktion miteinander treten, geht mir das Herz auf. Das sind meine persönlichen Mama-Glücksmomente, wenn ich mich zurücklehnen kann und den Vieren zusehe wie sie zusammen Spaß haben, sich helfen und es einfach genießen, dass sie sich haben. Das ist einfach das Beste am Mama sein, finde ich.

Winter in Portugal – Was wir brauchen – und wie es weiter geht

Nun ist es passiert; der „Winter“ hat in Portugal Einzug gehalten. Zumindest das, was man hier als Winter bezeichnet. Es waren seit letztem Donnerstag 10 Tage Regen Non-Stop angesagt. Das hat uns dazu bewogen kurzerhand unseren Krempel zusammen zu packen und uns ein hübsches Ferienhaus an der Zentral-Algarve zu mieten. Denn eines ist klar, 10 Tage Regen mit „Schule“ und Arbeiten im Wohnwagen, das wird nix!

Es ist schön hier im Ferienhaus und, da absolute Nebensaison ist, auch ein Schnäppchen mit Pool. Der ist allerdings draußen und „solar heated“, was bei der aktuellen Witterungslage eher unbeheizt entspricht 😉. Die Mädels waren mit viel Gequietsche natürlich trotzdem drin. Man kann es sich vorstellen, es war ein Heidenspaß!

Die Sache mit dem Dauerregen ist zum Glück etwas übertrieben. Es regnet täglich, aber eigentlich ist es vormittags schön und sonnig und nachmittags eben Regen. Sodass wir am Samstag eine tolle Wanderung an und auf einem nahegelegenen Berg machen konnten. Herrlich, ich liebe Berge!

 

Die aktuelle Wetterlage macht allerdings auch eines ganz klar, die Monate Januar, Februar, März werden wir in Europa kaum im Wohnwagen verbringen können. Lernen im Wohnwagen ist kein Problem, Arbeiten im Vorzelt oder im Auto auch nicht. Aber wir brauchen stabile 15 Grad schon am frühen Vormittag und möglichst wenig Regen, damit wir den verschiedenen Bedürfnissen nach Ruhe und Bewegung gerecht werden können.

Im Vorfeld habe ich mehrfach die ungläubige Rückfrage gehört „und dann seid ihr wochenlang zu sechst auf 12qm!?“ Unsere Campingerfahrung aus den letzten Jahren und auch aktuell ist eher, die Kinder können morgens gar nicht schnell genug rauskommen um auf Entdeckungstour zu gehen. Zu meinem Leidwesen ist es keine Seltenheit, dass ich meine Kinder morgens noch im Pyjama von der Rutsche fische und auf „Erst-Anziehen“ bestehe. (Ist ein echtes Luxusproblem, das ist mir klar.) Aber das Tolle daran ist, dass im Unterschied zu vielen anderen Möglichkeiten Urlaub zu machen, die meisten Campingplätze eben genau das bieten, es ist spannend genug um auf Entdeckungstour zu gehen (notfalls auch im Schlafanzug) aber so sicher, dass ich ein gutes Gefühl habe wenn die Kinder „unterwegs“ sind.

Trotzdem werden wir voraussichtlich die ersten Monate des Jahres in ein Ferienhaus ziehen. Nur wo? Wir wissen es noch nicht. Warm wäre schön.

Erstmal kommt Weihnachten, das wollen wir gern zuhause verbringen. Patric behauptet ich würde nur wegen der Weihnachtsdekoration nach Hause fahren wollen. Nicht nur … aber auch. Ich mag Weihnachten!

In diesem Sinne wünsche ich Euch und uns eine schöne Adventszeit!

Schule unterwegs! Wie geht das eigentlich?

Bei der Vorbereitung auf diese Reise war einer der wichtigsten Punkte die Schulbildung unserer Mädels. Das deutsche Bildungssystem ist auf die Tatsache, dass jemand nicht den Luxus der Betreuung im deutschen Klassenzimmer in Anspruch nehmen möchte, schlicht nicht eingestellt – zumindest nicht in Niedersachsen. Es geht nur: ganz oder gar nicht. Unter bestimmten Voraussetzungen entfällt die Schulpflicht, diese Voraussetzungen haben wir erfüllt … und dann? Dann ist quasi alles egal und in unserer eigenen Verantwortung. Nun aber kommt die Sache mit dem eigenen Anspruch dazu. Da wir es schön fänden, wenn die Kinder im Falle einer Rückkehr in ihre alten Klassen zurückkehren könnten, sollen sie natürlich auch das Lernen, was ihre Altersgenossen zuhause lernen. Um das zu erreichen haben wir verschiedene Ansätze gewählt. Erstens, wir haben sämtliche in den Schulen verwendete Schulbücher gekauft, zweitens haben wir uns die Kerncurricula des Niedersächsischen Bildungsministeriums heruntergeladen und drittens wissen wir neuerdings, dass Lehrer sich ihr Material gegenseitig im Internet verkaufen. Cool!

Ein Wort zum Kerncurriculum: grauenhaft! Ich habe mir die Dinger heruntergeladen mit der Erwartungshaltung, dass drin steht, was die Kinder lernen sollen. Ich hatte wirklich keinen Ken Follett erwartet, aber das … halt auch nicht. Zumal zum Thema was die Kinder lernen sollen bestenfalls kryptische Andeutungen gemacht werden. Wenn es allerdings darum geht wie die Kinder lernen sollen, schweifen die Ausführungen eher in den Bereich Fantasy ab. Ich habe die Kerncurricula gelesen, es war ein Wechselbad der Gefühle überwiegend zwischen „Ach, so hätte das laufen sollen“ und Mitgefühl gegenüber den Lehrern die in einer Klasse mit über 20 Kindern diese Standards umsetzen sollen. Also diese „Quelle“ war für uns eher ein Flop, was daran liegen mag, dass ich eben nicht Pädagogik studiert habe.

Ganz praktisch sieht das Ganze jetzt also folgendermaßen aus:
Mit den Grundschülern hangeln wir uns in den Hauptfächern einfach an den Schulbüchern entlang und ergänzen durch meist kostenlose Arbeitsblätter aus dem Internet oder auch individuelle Ideen und Spiele. Die Sachfächer bestreiten wir mit von Lehrern im Internet verkauften „Themenpaketen“, da gibt es wirklich tolle Sachen für kleines Geld.

Englisch Klasse 3 … da stehe ich mit dem Schulbuch auf Kriegsfuß. Das ist mir einfach zu bunt und chaotisch. In diesem Fall habe ich mir die Freiheit genommen es anders zu machen. Jette und ich lesen zusammen ein englisches Kinderbuch. Wir übersetzen zusammen, schreiben die für das Verständnis wichtigen Vokabeln auf und lesen uns abwechselnd vor, wobei es sich ganz natürlich ergibt, dass wir die englische Aussprache gezielt üben.

Der Religionsunterricht hat sich als prima Fach erwiesen um quasi „klassenübergreifend“ zu arbeiten. Das macht allen Spaß, aktuell bearbeiten wir passend das Thema „Weihnachten in anderen Ländern“. Wir lesen gemeinsam inhaltlich relevante Texte und anschließend schreiben und malen die Kinder, je nach Alter unterschiedlich ausführlich, kleine „Merkzettel“ für die Mappe.

Gymnasium Klasse 6 ist da schon anspruchsvoller, aber trotzdem gut machbar. Auch Finja arbeitet mit den Schulbüchern und Arbeitsheften, mit denen sie auch in der Schule gearbeitet hat. Ergänzt durch Übungen aus dem Internet und aus den Arbeitsheften des letzten Schuljahres. Denn man merkt deutlich, dass im letzten Halbjahr, bedingt durch Corona, tatsächlich nicht aller Stoff durchgenommen wurde; zum Beispiel Bruchrechnung, welche aber im Schulbuch dieses Jahr als bekannt vorausgesetzt wird. Und wenn mein eigenes Wissen eingeschlafen ist oder mein Kind und ich nicht die gleiche Sprache sprechen, hilft youtube.de. Es gibt tolle Videos von Lehrern, die bestimmte Themen erklären. Zuletzt haben wir auch eine Lösung für „das Lateinproblem“ gefunden: „Das Lateinproblem“ wurde bei uns zum geflügelten Wort, da Patric und ich beide kein Latein sprechen und somit auch keine Chance haben irgendetwas Sinnvolles zu Lernprozess beizutragen, unser liebes Kind ist allerdings ein Lateinfreak und kann nur sehr schlecht auf das Lieblingsfach verzichten. Das sich eine Sprache bei 11jährigen nicht für das Selbststudium anbietet war auch klar. Die Suche hat www.sofatutor.de als beste Möglichkeit ergeben. Auf dieser Lernplattform wird der gesamte Lernstoff nach Jahrgängen sortiert mit Erklärvideos und Übungen angeboten, bei Fragen stehen Lehrer telefonisch oder per Chat zur Verfügung.

Mein Fazit an dieser Stelle: Es ist schon aufwendig, wenn die Kinder in Eigenregie lernen. Man lernt selbst viel Neues. Und wie viele andere Themen auf dieser Reise, es übt Outside-the-Box zu denken. Denn wenn einem niemand genau sagt was man wann lernen muss, ist das Feld dessen was man lernen kann schier unüberschaubar. Das bedeutet, dass man am Ende seiner eigenen Entscheidung vertrauen muss und für alles was daraus resultiert, ob gut oder schlecht, selbst verantwortlich ist. Diese Verantwortung wiegt einiges und das Gefühl die Verantwortung (zumindest scheinbar) an Schule, Lehrer und Vater Staat abzugeben hat durchaus seinen Reiz.

Leider bin ich der Überzeugung, dass man, oder zumindest ich, Verantwortung gegenüber sich selbst oder seinen Kindern gar nicht abgeben kann, nicht an einen Arzt, nicht an einen Lehrer oder einen Erzieher. Denn am Ende lebe doch immer ich irgendwie mit den Konsequenzen. „Leider“ deshalb, weil es in der Regel nicht der einfachere Weg ist.

Ich kann also für mich sagen, ich trage die Verantwortung und betreibe auch den damit verbundenen Aufwand gern. Aber ich bin mir auch sicher, dass das nicht jedermanns Sache ist.

Und eins noch dazu … es macht richtig Spaß! Aber dazu mehr im nächsten Beitrag.

Wenn sich geschlossene Grenzen nach Freiheit anfühlen

Da sind wir also am Mittwoch in l’Ampolla angekommen, im Dunkeln und im Sturm. Der Sturm ist uns auch noch ein paar Tage erhalten geblieben. Das war gut so, es war als hätte der Sturm Gedanken, Gefühle und innere Einstellungen davon geweht, die wir auf unserem Abenteuer nicht länger brauchen können und als der störende Ballast weg war kam die Sonne raus.  Und nun sitzen wir täglich draußen – Continue reading