Rückblick auf ein Jahr „Homeschooling“

Aktuell sind wir in Griechenland und ich sitze hier und schreibe bei angenehmen 22°C mit Blick auf den Golf von Korinth. Nach dem Regen und den etwas anderen Lebensverhältnissen in Albanien waren die letzten 10 Tage bei tollem Wetter fast ein bisschen wie Urlaub. Wir haben die Berge von Meteora gesehen und die Ausgrabungsstätte am Orakel von Delphi besucht. Jede Etappe unserer Reise scheint etwas anderes für uns bereit zu halten, diesmal waren es Menschen, denen wir uns verbunden fühlen. Natürlich trifft man auf Reisen viele und immer wieder neue Menschen und das macht auch ein Teil des Reizes aus. Häufig bleiben Kontakte aber auf den Ort beschränkt, an dem man zusammen war und nur selten werden Telefonnummer oder E-Mail-Adressen ausgetauscht.

In Meteora hatten wir das Glück, Gleichgesinnte im Geiste zu treffen. Denn es tut einfach gut jemanden zu treffen, der nicht nur sagt „Mensch, find ich toll was ihr da macht“, sondern Menschen, bei denen man das Gefühl hat, da ist jemand, der die Gründe nachvollziehen kann.  Daraus können sich zum einen sehr nette Gespräche entwickeln und für die Mädels ist es auch schön mal mit jemand anderem etwas zu unternehmen, und sei es nur eine Partie Kniffel. Zum anderen können andere Menschen auch Erfahrungen bieten, die wir Eltern nicht bieten können. So hatte Finja die Möglichkeit mit einem professionellen Sportler zu trainieren. Sie war tagelang ganz voll davon und schwärmt seitdem für Leichtathletik.

 

Mein Fazit ist, Kinder profitieren von Kontakten außerhalb der Familie sehr. Aber muss man dafür in die Schule gehen? Nach einem Jahr „Homeschooling“ denke ich, nein das muss man nicht.

Vor ein paar Tagen hatten wir sozusagen einjähriges „Homeschooljubiläum“. Wobei ich das Wort „Homeschooling“ eigentlich gar nicht mag. Ich finde, dass es nicht besonders gut passt. Das was wir machen ist weder „home“ noch „school“.  Im Grunde ist es nichts weiter als die logische Weiterführung dessen, was ich seit ihrer Geburt mit den Kindern tue. Ich begleite ihren Lernprozess, indem ich „vormache“, den Prozess des Übens begleite, mit ihnen zusammen Neues entdecke und mich an den Lernfortschritten erfreue. Wenn plötzlich etwas klappt, singe ich auch gern mal laut „Mein Gott, mein Gott jetzt hat sie’s“ aus der Operette „My Fair Lady“.

Es ist meiner Erfahrung nach nicht wichtig um welche „Lerninhalte“ es geht. Es ist egal, ob das Kind lernt sich vom Bauch in die Rückenlage zu drehen oder ob es die Sache mit den verflixten Brüchen plötzlich verstanden hat. Das Prinzip ist das Gleiche und meine Rolle auch: ich freu mich diebisch! Lernen ist ein intrinsisch motivierter Prozess, will heißen Lernen macht Spaß und ist außerdem ein natürlicher Prozess, der von ganz allein passiert.

Letztendlich ist es doch so, jeder kennt es, wenn man etwas kann, was man vorher nicht konnte, freut man sich darüber. Wenn man jemanden hat, der sich mit einem freut und die Sache dadurch noch mehr Bedeutung bekommt, noch viel besser. Ob derjenige, das erste Mal einen Marathon gelaufen ist oder zum Schuhe zubinden endlich wieder an die eigenen Füße kommt spielt keine Rolle. Es ist die Freude am eigenen Erfolg die uns Dinge „lernen“ und üben lässt.

Es gibt viele Facetten alternativer Schulformen: Freilerner, Unschooler oder Homeschooler. Ich denke, dass die verschiedenen Prinzipien deshalb oft gut funktionieren, weil Kinder in der Regel aus eigenem Antrieb lernen. Ich denke auch, dass es für einen Teil der Kinder stressfreier ist, dass in „Ruhe“ zu tun. Wenn Kinder in einem sozialen Gefüge wie einem Klassenverband sind, entstehen selbstverständlich viele Spannungs- und Lernfelder, die sie gleichzeitig mit verarbeiten müssen. Das lenkt zum einen vom eigentlichen Thema ab und zum anderen nimmt es dem ein oder anderem auch den Spaß am Lernen. Weil wenig Platz für individuell tiefere Beschäftigung mit dem Thema ist, weil zwischenmenschliche Themen in den Vordergrund treten, weil das System für Stärken und Schwächen nicht durchlässig ist und nicht zuletzt weil ein natürlicher Lernprozess nicht mehr in eine Freude über den Lernfortschritt endet sondern in ein enges Notenkorsett gequetscht wird.

Ich bin lange Zeit dem Irrtum erlegen, dass man Noten vergibt, um die Leistung oder die Motivation zu steigern. Ich kann zumindest für meine Kinder sagen, dass das nicht funktioniert. Sie waren nie motivierter und haben noch nie mehr geleistet (in der Schule zumindest) als jetzt und im Übrigen ist es auch das, was ich an vielen anderen Stellen beobachte. Da treffe ich Kinder, die in manchen Bereichen unglaubliches Wissen haben. Frag die mal nach Automarken, Vulkanen oder Pferderassen. Aber in der Schule scheint nichts hängen zu bleiben. Wie kann das? Sicher gibt es einige Gründe. Einer mag die Sache mit den Noten sein. Auf mich wirkt das System mit den Noten ein bisschen so als würde man bei einem Sprint-Läufer nicht nur die Zeit nach 100m werten, sondern auch einbeziehen, wie gut er beim Lauf ausgesehen hat.

Einen Punkt will ich als Grund aber gern ausgeschlossen wissen: die Themen – sprich die Lerninhalte. Aus zwei Gründen. Erstens: Alle Themen, die in der Schule unterrichtet werden sind spannend. Es stimmt einfach nicht, dass es langweilige Themen gibt. Ich hab‘ jedenfalls in noch keinem Schulbuch eins gesehen. Wer eins findet möge mir bitte Bescheid geben, das schaue ich mir an. Und zweitens und das viel Wichtigere: Lernen ist intrinsisch motiviert, das Thema spielt nur eine untergeordnete Rolle, die Sache als solche macht schon Freude.

Wie gesagt, es gibt Menschen, die sich freuen, wenn sie ihre Zehen wieder berühren können und das ist klasse! Wenn wir also am Tisch sitzen und gegen das „Mathemonster“ kämpfen und sich die beiden „Grundschüler“ mit an den Tisch quetschen und eifrig mitfiebern, bis am Ende das letzte Ergebnis in der fiesen Bruchrechenschlange stimmt und wenn dann alle abklatschen und fröhlich sind, ganz ehrlich – dann kann es doch nicht am Thema gelegen haben. Es macht einfach Spaß das zu können!

Nach einem Jahr ziehe ich also folgende Bilanz, die Kinder profitieren im Allgemeinen vom Kontakt mit anderen Menschen sehr, aber das Lernen von „Schulstoff“ geht ohne „Schule“ leichter.

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